Rohtext
Am Anfang steht kein fertiger Text, sondern Material: gesprochen, geschrieben, diktiert, gesammelt.
ArcaNuova · Werkstattnotiz
Eine Werkstattnotiz über Sprache, Rohtext, ChatGPT und die vielen Überarbeitungen, bis aus einem Gedanken ein lesbarer Text wird.
Am Anfang steht kein fertiger Text, sondern Material: gesprochen, geschrieben, diktiert, gesammelt.
Schreiben bedeutet, einen Gedanken so lange zu drehen, bis er auch für den Leser atmet.
ChatGPT ist nicht der heimliche Autor, sondern Gegenleser, Korrektor und Schleifstein.
Ramona fragte mich:
Schreibst du sie mit der Hand oder diktierst du sie?
Die ehrliche Antwort lautet: beides.
Ich schreibe am PC, manchmal diktiere ich ins Handy, manchmal spreche ich einen Gedanken direkt in ChatGPT hinein.
Daraus entsteht zunächst kein fertiger Text, sondern ein Rohtext. Ein Steinbruch. Material. Sätze, die schon etwas wollen, aber noch nicht genau wissen, wie sie stehen sollen.
ChatGPT verbessert Fehler, glättet manchmal eine Stelle, schärft einen Gedanken nach oder hält mir einen Satz so hin, dass ich sehe, was daran noch nicht stimmt.
Danach beginnt die eigentliche Arbeit.
Es folgen zehn, zwanzig, manchmal fünfzig Überarbeitungen, bis der Text rund wird.
Eigentlich ist es Handwerk.
Viele stellen sich Schreiben romantischer vor. Feder, Kerze, Einsamkeit, Eingebung, vielleicht noch ein leidendes Gesicht am Fenster.
Die Wirklichkeit ist meist weniger dekorativ.
Schreiben bedeutet, einen Gedanken so lange zu drehen, bis er nicht nur für mich stimmt, sondern auch für den Leser verständlich wird.
Das ist schwerer, als es klingt. Selbst Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, verstehen einander oft erstaunlich schlecht.
Die Menschheit hat dafür sehr viele Wörter erfunden und benutzt trotzdem regelmäßig die falschen.
Ich habe herausgefunden, dass ich besser schreibe als rede.
Beim Reden denke ich zu viel nach. Dann antworte ich entweder zu kurz oder zu lang.
Manchmal fehlen mir im richtigen Moment die richtigen Worte. Manchmal kommen sie später, wenn das Gespräch längst vorbei ist und die Gelegenheit sich höflich verabschiedet hat.
Beim Schreiben habe ich Zeit.
Ich kann zurückgehen. Ich kann einen Satz prüfen. Ich kann merken, wo ich zu hart, zu weich, zu unklar oder zu schnell war.
Ich kann einen Gedanken noch einmal anfassen, ohne dass mir jemand sofort ins Wort fällt oder mein eigenes Gehirn einen Umweg über drei Nebenstraßen nimmt.
ChatGPT ist dabei kein Autor an meiner Stelle.
Es ist eher Gesprächspartner, Korrektor, Gegenleser, manchmal auch Schleifstein.
Es gibt Anstoß, spiegelt, ordnet, macht Vorschläge.
Aber der Gedanke, die Richtung, die Erfahrung und die Entscheidung bleiben bei mir.
Das ist wichtig. Denn sonst käme sofort die beliebte Frage:
Hat das ChatGPT geschrieben oder du?
Als hätten bedeutende Schriftsteller nicht auch Lektoren, Sekretäre, Korrektoren, Vorleser, Gesprächspartner, Ehefrauen, Geliebte, Verleger, Freunde, Feinde und Menschen benutzt, die wenigstens die Kommas aus dem Straßengraben gezogen haben.
Nur heute tun manche so, als müsse ein Text aus einem völlig isolierten Schädel fallen, sonst sei er nicht echt.
Das ist romantischer Unsinn mit Staubrand.
Ein Text entsteht selten allein.
Er entsteht im Widerstand. An der Sprache. Am Leser. Am eigenen Zweifel. An der Frage, ob das, was im Kopf klar war, auf dem Papier immer noch atmet.
Ich benutze KI offen.
Nicht, um mich zu ersetzen, sondern um meine Gedanken sichtbarer zu machen.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Die KI schreibt nicht mein Leben. Sie hilft mir manchmal, den Staub von einem Satz zu blasen, unter dem mein Leben schon lag.
Am Ende darf ich aber selbst entscheiden, was stehen bleibt und was geht.
Und manchmal bleibt genau das stehen, was vorher noch gar nicht sichtbar war.
ChatGPT ist Zeuge dieses Vorgangs:
nicht der heimliche Autor, sondern der sichtbare Gegenleser einer Werkstatt, in der aus Gedanken langsam Sprache wird.