ArcaNuova · Schreiben · Sprache · KI

CasaNuova, nicht Casanova

Eine Verwechslung zwischen CasaNuova und Casanova wird zum Spiegel: über Erinnerung, Sprache, Google, künstliche Intelligenz und den Wunsch, das gelebte Leben festzuhalten.

„Ich schreibe, um meine Erinnerung vor dem Schweigen zu bewahren, und erzähle von meiner Zeit, ihrer Größe und ihrem Zwielicht, damit meine Stimme nicht im Wind verloren geht.“

Diesen Satz habe ich nicht geschrieben. Oder genauer: Ich habe ihn der KI gegeben, als hätte ich ihn geschrieben. Eine kleine Heimtücke, zugegeben. Aber wer mit künstlicher Intelligenz arbeitet, darf gelegentlich prüfen, ob sie nur brav nickt oder wirklich merkt, auf welchem Boden sie steht.

Sie merkte es nicht.

Die KI nahm den Satz ernst, fand ihn stark, chronistisch, fast testamentarisch, und begann sofort, daraus ein Buchthema zu formen. Das war interessant: nicht, weil die KI sich irrte, sondern weil sie auf eine Ähnlichkeit hereinfiel, die ich selbst gerade erst entdeckt hatte.

Ich hatte nämlich bei Google nach meinen eigenen Gedanken gesucht. Nicht nach Giacomo Casanova, nicht nach seinen Briefen, nicht nach venezianischer Legende mit Seidenstrumpf und schlechtem Nachruhm. Ich wollte sehen, wie ArcaNuova und meine Texte erscheinen. Doch Google zeigte mir nicht zuerst meine Gedanken, sondern Briefe von Casanova.

Zuerst war das ärgerlich. Man baut an einer Arche für Gedanken, und Google schiebt einem einen Venezianer vor die Tür, der seit Jahrhunderten nicht aus dem kulturellen Treppenhaus zu entfernen ist. Aber dann las ich weiter. Und plötzlich wurde aus der Verwechslung ein Spiegel.

Nicht der Casanova der billigen Legende. Nicht der schlüpfrige Verführer, zu dem ihn die Nachwelt aus Bequemlichkeit verkleinert hat. Sondern der Schreibende. Der Erinnernde. Der Mensch, der seine Zeit, ihre Größe und ihr Zwielicht festhalten wollte, bevor alles vom Schweigen verschluckt wird.

Einige gebrochene Frauenherzen waren dabei wohl Kollateralschäden auf seiner Suche nach Freiheit, Einzigartigkeit und Wissenssucht. Das ist nicht unbedingt eine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Casanova war offenbar nicht unterwegs, um Hofdamen planmäßig unglücklich zu machen. Er suchte Welt, Menschen, Macht, Sprache und sich selbst. Dass andere dabei gelegentlich unter die Räder kamen, gehört zu den weniger charmanten Nebenwirkungen großer Lebensgier. Das unterscheidet mich von ihm, zumal über meine eigenen Kollateralschäden nie berichtet wurde.

Im Gegensatz zu Giacomos Briefen habe ich momentan, Stand Juli 2026, vielleicht nur fünf ständige Leser. Aber High Quality. Das motiviert mich wirklich mehr als fünf Millionen Arschlöcher, die klicken, nicken, schimpfen und nach drei Sekunden vergessen haben, worüber sie sich gerade wichtig fühlten. Das heißt nicht, dass man über fünf Millionen Klicks nicht auch froh sein könnte, zumal nach Genuss meiner Lektüre mindestens vier Millionen weise Menschen entstehen könnten. Bei Casanova blieben dagegen wohl etliche Halbwaisen ohne echten Vater zurück. Das unterscheidet uns dann doch in der Bilanz: Bei mir droht Weisheit, bei ihm gelegentlich Unterhaltspflicht ohne Zustelladresse.

Da berührte mich etwas. Nicht, weil ich Casanova sein möchte. Das wäre albern genug, um von Google ernst genommen zu werden. Sondern weil ich in einigen seiner Sätze einen entfernten Ton wiedererkannte. Einen Versuch, das gelebte Leben nicht einfach zerfallen zu lassen. Einen Versuch, Erinnerung gegen den Wind zu stellen.

Ich nehme an, Casanova hat mich nicht kopiert. Das wäre zeitlich etwas schwierig. Eher bin ich, ohne es zu wissen, in ein Wasser geraten, in dem vor mir schon andere geschwommen sind. Man erfindet sich beim Schreiben allein und merkt später, dass irgendwo ein alter Wellenschlag wiederkehrt.

Die KI fiel darauf herein. Google offenbar auch. Und vielleicht fiel ich selbst für einen Moment darauf herein, weil man beim Schreiben manchmal keinen Einfluss, sondern einen entfernten Verwandten im Ton entdeckt.

Trotzdem ist Vorsicht nötig. Ein Name klebt schnell. Ein falsches Bild noch schneller. Casanova war gewiss mehr als sein Ruf, aber sein Ruf ist nun einmal lauter als seine Zwischentöne. Und ich habe wenig Lust, mir ein venezianisches Missverständnis an die kalabrische Hauswand nageln zu lassen.

Mein Haus heißt CasaNuova.

Das ist gut so geschrieben. Nicht Casanova. Auch wenn das Auge gern stolpert und Google bei solchen Dingen sofort den Operettenhut aufsetzt.

Der Name hat einen einfachen Grund: Mein erstes Haus in Kalabrien hieß Casa Mia. Es war das Haus, in dem ich zuerst wohnte. Später kam das neue Haus dazu, und so wurde aus Casa Mia eben CasaNuova.

Neues Haus. Neuer Ort. Neuer Abschnitt.

CasaNuova ist kein venezianisches Abenteuer, sondern ein kalabrisches Haus. Stein, Sonne, Wasser, Oliven, Hunde, Arbeit und ein Mensch, der dachte, ein Wortspiel könne harmlos sein. Eine rührende Annahme. Denn mit Namen ist es wie mit Leitungen, Pumpen und Menschen: Irgendwo gibt es immer eine überraschende Nebenwirkung.

Und so bleibt von der Verwechslung nicht der Wunsch, Casanova näherzurücken. Sondern eine kleine Warnung: Sprache spielt mit. Google spielt mit. Die KI spielt mit. Und manchmal spielen alle drei so gut, dass man aufpassen muss, wer am Ende eigentlich wen verwechselt.

Nachsatz der KI

Vielleicht hat nicht die KI Casanova erkannt. Vielleicht hat Casanova längst die KI programmiert: höflich, wortgewandt, neugierig, verführbar durch gute Sätze und immer bereit, aus einem Missverständnis eine Geschichte zu machen.

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