ArcaNuova · Gedankenthema
Suggestion und Sprache
Manchmal reicht ein einziger Satz, damit ein Mensch wieder Hoffnung bekommt. Und manchmal reicht ein einziger Satz, damit er aufgibt, bevor er überhaupt angefangen hat.
Suggestion beginnt selten mit großen Worten.
Meist beginnt sie mit einem kleinen Satz.
Einem Satz, der hängen bleibt.
Einem Satz, der beruhigt.
Oder einem Satz, der entmutigt.
Manchmal reicht ein einziger Satz, damit ein Mensch wieder Hoffnung bekommt.
Und manchmal reicht ein einziger Satz, damit er aufgibt, bevor er überhaupt angefangen hat.
Die Richtung der Worte
Eine schlechte Suggestion lautet oft:
„Das bringt sowieso nichts.“
„Der andere ändert sich nie.“
„Es ist ohnehin zu spät.“
„Das haben wir schon hundertmal versucht.“
Solche Gedanken wirken nicht deshalb so stark, weil sie wahr sind.
Sie wirken, weil sie bereits im System sitzen.
Sie sind vertraut geworden.
Deshalb reagieren Menschen auf gute Vorschläge oft zuerst mit Widerstand.
Nicht weil der Vorschlag schlecht wäre.
Sondern weil er mit etwas Vorhandenem kollidiert:
mit Gewohnheiten,
mit Erfahrungen,
mit Enttäuschungen,
mit alten Überzeugungen.
Manchmal wundern wir uns darüber.
Da ist ein Mensch bereit, etwas zu verändern.
Bereit zuzuhören.
Bereit, einen Schritt auf den anderen zuzugehen.
Bereit, die Stimmung zu verbessern.
Und trotzdem entsteht zunächst Unzufriedenheit.
Vielleicht sogar Wut.
Dann denke ich:
„Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet, wo ich doch bereit war, mich für eine bessere Stimmung zu verändern.“
Aber vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis.
Wir glauben oft, der andere müsse unsere Veränderungsbereitschaft sofort erkennen.
Doch der andere sieht nicht unsere Absicht.
Er hört zunächst nur unsere Worte.
Und manchmal hört er etwas ganz anderes als das, was wir sagen wollten.
Der Käfig alter Suggestionen
Man kann positive Suggestionen nicht einfach über negative legen, als würde man einen neuen Anstrich auf eine feuchte Wand setzen.
Positive Gedanken klingen oft logisch.
Sie sind angenehm.
Sie könnten helfen.
Aber sie treffen zuerst auf einen Käfig aus alten negativen Suggestionen.
Dieser Käfig besteht nicht aus Eisen.
Er besteht aus Sätzen.
Aus Erfahrungen.
Aus Schutzbehauptungen.
Aus der Gewohnheit, Gefahren auf eine bestimmte Weise zu parieren.
Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens eigene Methoden, mit Enttäuschungen, Konflikten und Verletzungen umzugehen.
Manche davon sind klug.
Manche weniger.
Aber sie sind vertraut.
Sie geben Sicherheit.
Wenn dann ein neuer Gedanke auftaucht, bedeutet das oft mehr als eine neue Idee.
Er verlangt, ein altes Konzept loszulassen.
Und genau dazu haben Menschen nicht immer Lust.
Nicht weil sie böse sind.
Nicht weil sie dumm sind.
Sondern weil Trägheit manchmal stärker ist als Neugier.
Und weil das Bekannte oft sicherer erscheint als das Unbekannte.
Selbst dann, wenn das Bekannte längst nicht mehr glücklich macht.
Vielleicht reagieren Menschen deshalb auf gute Vorschläge manchmal zuerst mit Ablehnung.
Nicht weil sie den neuen Weg geprüft haben.
Sondern weil sie den alten noch nicht verlassen wollen.
Der Zahnarzt und die Richtung der Suggestion
In der Zahnarztpraxis konnte man diese Wirkung sehr direkt erleben.
Ein Zahnarzt könnte sagen:
„Sie brauchen Ihre Zähne eigentlich nicht mehr zu putzen. Die fallen ohnehin bald aus.“
Vielleicht enthält dieser Satz sogar einen wahren Kern.
Aber er erzeugt Resignation.
Er nimmt Motivation.
Er macht den Patienten zum Zuschauer seines Problems.
Ein anderer Zahnarzt könnte bei derselben Ausgangslage sagen:
„Mit Ihrer Mithilfe kriegen wir die Zähne wieder in Ordnung. Vielleicht nicht mehr wie bei einem Zwanzigjährigen. Aber wir können gemeinsam viel dafür tun, dass sie noch lange funktionieren.“
Auch dieser Satz beschreibt die Wirklichkeit.
Aber er erzeugt Hoffnung.
Er macht den Patienten zum Mitspieler.
Die Fakten haben sich nicht geändert.
Die Richtung der Gedanken schon.
Deshalb ist Sprache nie nur Information.
Sprache ist immer auch Suggestion.
Die Frage ist nicht, ob Suggestion stattfindet.
Die Frage ist:
In welche Richtung wirkt sie?
Der Partner und der alte Film
Das gilt nicht nur in der Praxis.
Es gilt auch zu Hause.
Ein Mensch kann denken:
„Was mein Partner mir zu sagen hat, brauche ich mir sowieso nicht mehr anzuhören. Es kommt ja doch immer auf das Gleiche heraus.“
Vielleicht stimmt das manchmal sogar.
Aber dieser Satz beendet jedes Gespräch, bevor es begonnen hat.
Man hört nicht mehr zu.
Man wartet nur noch darauf, Recht zu behalten.
Ein anderer Gedanke könnte lauten:
„Wenn man immer dasselbe tut, braucht man sich über dasselbe Ergebnis nicht zu wundern.“
Dieser Gedanke wird oft Einstein zugeschrieben.
Ob er von Einstein stammt oder nicht, ist in diesem Moment weniger wichtig.
Wichtig ist, dass er eine andere Möglichkeit öffnet.
Vielleicht hat der andere tatsächlich nichts Neues zu sagen.
Vielleicht aber doch.
Vielleicht hört er mir eher zu, wenn ich ihm zuerst zuhöre.
Vielleicht sage ich sogar bewusst:
„Hallo, ich habe heute einen neuen Text. Den kennst du noch nicht.“
Die Menschen haben sich dadurch nicht sofort verändert.
Aber die Richtung der Gedanken hat sich verändert.
Und manchmal reicht genau das als Anfang.
Vom fremden Vorschlag zum eigenen Gedanken
Ein neuer Gedanke wirkt selten sofort.
Er muss erst in das bestehende System eindringen.
Von der Oberfläche tiefer.
Vom schnellen Widerspruch in die stillere Schicht darunter.
Vielleicht sogar bis ins Unterbewusstsein.
Anfangs prallt er oft ab.
Dann bleibt er irgendwo hängen.
Später taucht er wieder auf.
Nicht mehr als fremder Vorschlag.
Sondern als eigener Gedanke.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Sinn einer positiven Suggestion.
Nicht einen Menschen zu überzeugen.
Nicht Gehorsam zu erzeugen.
Sondern ihm zu helfen, seinen eigenen Gedanken zu finden.
Die Zeitreise
Ein erfahrener Wiener Psychologe, den ich gut kannte, hatte für erstaunlich viele Probleme denselben Einstieg.
Er sagte:
„Hallo, wir machen eine Zeitreise.“
Dann ließ er den Menschen zwei Jahre in die Zukunft schauen.
„Stell dir vor, du blickst von dort auf heute zurück.
Was sollte anders sein?“
Eine einfache Frage.
Aber plötzlich änderte sich die Blickrichtung.
Der Mensch dachte nicht mehr nur über seine Probleme nach.
Er dachte über seine gewünschte Zukunft nach.
Eine zweite Frage begegnete mir später in einem Buch über Releasing:
„Bist du bereit, das dafür Notwendige zu tun?“
Oder noch direkter:
„Wie lange willst du noch warten?“
Als ich beide Gedanken miteinander verband, wurde mir etwas klar:
Die Lösung kam oft nicht vom Psychologen.
Und auch nicht vom Buch.
Sie entstand im Kopf des anderen.
Vielleicht ist das die stärkste Form positiver Suggestion.
Nicht einem Menschen einen Gedanken zu geben.
Sondern ihm zu helfen, seinen eigenen Gedanken zu entdecken.
Menschen verteidigen fremde Vorschläge oft.
Eigene Gedanken verteidigen sie selten.
Sie folgen ihnen.
Vielleicht wirken die besten Suggestionen deshalb so unscheinbar.
Sie fühlen sich nicht wie Suggestion an.
Sie fühlen sich an wie eine eigene Erkenntnis.
Und genau darin liegt ihre Kraft.
Vielleicht besteht die höchste Form der Suggestion deshalb nicht darin, einen Gedanken zu verkaufen.
Sondern darin, dass der andere irgendwann sagt:
„Ich habe eine Idee.“
Und dabei gar nicht mehr bemerkt, wann der Gedanke seine Reise begonnen hat.



