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Narrative entrümpeln und fremde Logiken verstehen
Auswandern bedeutet auch, den mentalen Hausstand zu prüfen. Manche Überzeugungen waren einmal richtig und passen trotzdem nicht mehr in die neue Wirklichkeit.
Auswandern bedeutet nicht nur, seinen Wohnort zu wechseln. Es bedeutet, den ganzen mentalen Hausstand einmal auf den Tisch zu legen und zu prüfen, was man mitnimmt und was im alten Leben bleiben sollte. Viele Menschen scheitern nicht an der Sonne, nicht an der Sprache und nicht an der Bürokratie, sondern an den Narrativen, die sie ungeprüft aus ihrer Heimat mitbringen.
Ein klassisches Beispiel ist der Markt. In Deutschland ist ein Markt fast immer teurer als ein Geschäft. Dort stehen selten Bauern, sondern Zwischenhändler, die besonders frische Ware besonders teuer verkaufen. Mit dieser Erzählung im Kopf bin ich jahrelang nicht auf den Markt in Süditalien gegangen. Bis ich eines Tages dort war – und plötzlich alles frischer, ehrlicher und deutlich billiger war. Weil dort tatsächlich Bauern stehen, die das verkaufen, was gerade reif ist. Keine Show. Keine Designerstände. Keine Münchner Viktualienmarktpreise. Nur Realität.
Dieses Beispiel zeigt: Viele der mitgebrachten Überzeugungen sind nicht falsch – sie sind einfach nicht mehr gültig. Sie passen zur alten Welt, aber nicht zur neuen. Deshalb muss alles, wirklich alles, einmal neu geprüft werden. Das bedeutet nicht, ständig an allem zu zweifeln, sondern einmal bewusst zu fragen: Gilt dieser Gedanke hier überhaupt noch? Hilft mir diese Erzählung oder hindert sie mich?
Die Arbeit besteht darin, die alten Sätze im Kopf zu sortieren: Manche bleiben, weil sie sinnvoll sind. Manche gehen, weil sie nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Und manche erweitert man, weil die neue Umgebung mehr Möglichkeiten zeigt, als man vorher kannte. Das Ergebnis ist nicht Beliebigkeit, sondern ein neues Fundament, das wirklich trägt.
Zu diesen mentalen Narrativen gehört auch ein zweiter Fehler, den viele Auswanderer machen: fremde Rituale sofort infrage stellen. Und zwar aus rein deutscher Logik heraus. Ein Land wie Süditalien funktioniert anders. Nicht schlechter. Nicht chaotischer. Einfach anders. Dinge, die für Deutsche unlogisch wirken, sind für Einheimische völlig selbstverständlich und in sich logisch.
Beispiele gibt es überall: Warum immer zehn Leute reden, wenn einer etwas erledigt. Warum niemand etwas sofort macht, aber am Ende trotzdem alles funktioniert. Warum ein Bauer drei Stunden spricht, bevor er eine Zitrone verkauft. Warum in den Läden Obst teurer ist als am Markt – und warum niemand versucht, dich zu übervorteilen, obwohl es für Deutsche so wirkt. All diese Dinge sind keine Kuriositäten, sondern Ergebnisse von Kultur, Zeitgefühl, Tradition und Gemeinschaft.
Wer sofort fragt: „Warum macht ihr das so?“, begeht einen kulturellen Fehler. Es wirkt nicht neugierig, sondern übergriffig. Es drückt ungewollt aus: „In Deutschland machen wir das besser.“ Und das ist eine subtile Beleidigung, die hier niemand mag. Der richtige Weg besteht aus drei Schritten: erst beobachten, dann verstehen, und erst ganz am Ende entscheiden, ob man es übernehmen will oder nicht.
Komische Rituale sind selten komisch. Sie sind nur alt – oder aus einem Kontext entstanden, den man selbst noch nicht kennt. Wer lange genug zuschaut, erkennt plötzlich, wie elegant das vermeintliche Chaos ist und wie stabil die vermeintliche Improvisation funktioniert. Und genau hier liegt die Essenz des Auswanderns: nicht nur die Möbel zu versetzen, sondern auch die Gedanken. Und alles, was man im Kopf aus der alten Wohnung mitbringt, gehört einmal gründlich aussortiert, bevor es im neuen Leben wieder eingeräumt wird.
