ArcaNuova · Kalabrien · Einfach beginnen

Manchmal muss man ein Haus vom Dach aus bauen

Kalabrische Baustellen zeigen, warum Improvisation kein Mangel sein muss und weshalb ein Anfang manchmal dort liegt, wo er eigentlich falsch erscheint.

Es gibt Sätze, die man so oft gehört hat, dass man sie irgendwann für Wahrheiten hält.

Einer davon lautet:

Man kann kein Haus vom Dach aus bauen.

Mit genau diesem Satz im Kopf kam ich nach Kalabrien.

Und dann stand ich plötzlich vor Baustellen, bei denen genau das zu passieren schien.

Hier wird nicht zuerst romantisch ein Fundament gegossen und dann Stein auf Stein gesetzt, wie man es aus Deutschland kennt.

Hier beginnt alles mit einem Gerüst aus Stahl und Beton.

Ein Erdbebenskelett.

Stützen, Decken, verbunden mit Stahl – das eigentliche Haus steht, bevor es überhaupt wie ein Haus aussieht.

Die oberen Ebenen sind oft fertig, während unten noch nichts entschieden ist.

Für jemanden, der glaubt zu wissen, wie Bauen funktioniert, wirkt das zunächst wie ein Fehler im System.

Und es hört dort nicht auf.

Auch die Innenarchitektur entsteht nicht auf dem Papier bis ins letzte Detail.

Man geht mit dem Architekten durch den Rohbau und entscheidet vor Ort.

Hier eine Reihe Ziegel.

Dort eine Linie.

So entsteht ein Raum.

Was für einen Deutschen wie Improvisation wirkt, ist hier ein völlig normaler Prozess.

Das funktioniert nur, weil es keine klassischen tragenden Wände gibt. Das Betonskelett trägt alles. Der Rest ist verhandelbar.

Selbst Abwasserleitungen werden nicht zwangsläufig von Anfang an perfekt geplant.

Manchmal wird später in die Decken eingebrochen.

Manchmal laufen sie außen am Haus entlang.

Nicht schön im klassischen Sinn.

Aber funktional.

Und irgendwann merkt man:

Man weiß gar nicht so genau, wie „richtig“ eigentlich aussieht.

Was ich für selbstverständlich gehalten habe, ist hier nur eine von vielen Möglichkeiten.

Kalabrien hat mir nicht nur gezeigt, dass man Häuser anders bauen kann.

Es hat mir gezeigt, dass viele unserer Gewissheiten keine Naturgesetze sind, sondern Gewohnheiten.

Und genau dieses Prinzip taucht an ganz anderer Stelle wieder auf.

In der Küche.

Ich habe irgendwann aufgehört, streng „deutsch“ oder „italienisch“ zu kochen.

Stattdessen habe ich angefangen zu kombinieren.

Deutsche Kochweise, italienische Produkte.

Mediterrane Grundlagen, aber Gewürze aus anderen Kontinenten.

Langsam gekochte Saucen – und dann wieder schnelle, harte Hitze, wenn sie gebraucht wird.

Ein Wok steht plötzlich in Kalabrien und macht genau dort Sinn.

Nicht, weil er dazugehört.

Sondern weil er etwas kann.

Hitze. Schnelligkeit. Präzision im richtigen Moment.

Manche Gerichte – auch mediterrane – werden im Wok einfach besser, weil sie diesen kurzen, intensiven Kontakt mit hoher Temperatur brauchen, ohne zu zerkochen.

Und selbst das ist nicht festgelegt.

Manchmal koche ich mit Gas, wenn es schnell gehen muss.

Manchmal auf Induktion.

Und manchmal entscheidet nicht der Geschmack allein, sondern ganz pragmatisch die Stromlage der Batterien.

Was da ist, wird genutzt.

Kein festes System.

Sondern Anpassung.

Im Grunde ist es dasselbe wie beim Hausbau.

Man beginnt nicht mit einer starren Vorstellung, wie alles sein muss.

Man entwickelt es Schritt für Schritt, mit dem, was da ist.

Und manchmal entsteht genau dadurch etwas, das besser ist als jede vorher festgelegte Idee.

Und genau an diesem Punkt ist auch dieses Kapitel entstanden.

Ich wusste lange nicht, wie ich überhaupt anfangen sollte, ein Buch zu schreiben.

Zu viele Gedanken, zu viele Ansätze – und gleichzeitig die Sorge, dem Leser etwas aufzudrängen.

Also habe ich angefangen, gar nicht anzufangen.

Bis mir auffiel, dass ich denselben Fehler mache wie jemand, der ein Haus perfekt von unten nach oben planen will – und deshalb nie beginnt.

Dieses Kapitel ist also nicht entstanden, weil ich wusste, wie man ein Buch schreibt.

Sondern weil ich verstanden habe, dass man manchmal genau dort beginnen muss, wo es sich eigentlich falsch anfühlt.

Nicht mit dem Fundament.

Sondern mit dem Dach.

Man denkt, man wüsste, wie Dinge funktionieren.

Und dann wird alles umgedreht.

Manchmal baut man tatsächlich vom Dach aus.

Und manchmal ist genau das der einzige Weg, überhaupt anzufangen.

Vielleicht ist das die einzige Regel, die bleibt:

Nicht warten, bis alles klar ist.

Einfach beginnen.

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Autor von ArcaNuova am Meer
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Sein Weg führte vom Zahntechniker zum Zahnarzt und vom Zahnarzt zum Philosophen. Mitgenommen hat er weniger die Titel als die Werkzeuge: genaues Beobachten, sorgfältige Anamnese, Diagnose und die Bereitschaft, eine erste Vermutung zu verwerfen, wenn die Wirklichkeit nicht dazu passt.

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