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Demokratien brauchen Lügen

Demokratien leben von Wahrheit, aber sie überleben oft durch sprachliche Polster. Zwischen ehrlicher Zumutung und politischer Lüge liegt ein unbequemes Gelände.

Wer die Wahrheit sagt, wird nicht immer belohnt.

Demokratie ist ein fragiles Theater. Sie lebt davon, dass harte Realitäten in eine Sprache übersetzt werden, die eine Mehrheit ertragen kann.

Statt „wir sind pleite“ heißt es, wir befänden uns in einer Transformation. Statt „wir haben uns verrannt“ beginnt eine Zeitenwende. Aus Kürzungen werden Reformen, aus Kontrollverlust wird eine Herausforderung, und aus einem Fehler wird ein Prozess, aus dem man gemeinsam lernen wolle.

Das ist nicht immer bloß Täuschung.

Eine Gesellschaft braucht Hoffnung. Politik muss Möglichkeiten offenhalten, auch wenn die Zahlen düster sind. Wer ausschließlich die Katastrophe beschreibt, kann recht haben und trotzdem handlungsunfähig machen.

Aber aus notwendiger Übersetzung wird leicht Gewohnheit. Und aus Gewohnheit wird eine politische Kultur, in der niemand mehr sagen darf, was jeder längst sieht.

Gelegentlich tritt ein Politiker auf, der diese Regel verletzt.

Er kündigt Maßnahmen an, die wie Drohungen klingen, und setzt sie später tatsächlich um. Nicht diplomatisch. Nicht elegant. Oft nicht einmal klug.

Merkwürdigerweise gilt gerade ein solcher Politiker schnell als besonderer Lügner. Nicht unbedingt, weil er das Gegenteil dessen tut, was er angekündigt hat, sondern weil er Dinge ausspricht, die politische Sprache gewöhnlich hinter höflichen Formeln versteckt.

In einer Kultur eleganter Halbwahrheiten wirkt rohe Offenheit wie Täuschung.

Doch Ehrlichkeit und Wahrheit sind nicht dasselbe. Und Wahrheit und Anstand ebenfalls nicht.

Ein Mensch kann offen sagen, was er vorhat, und dennoch irren. Er kann seine Absicht ehrlich benennen und mit ihrer Umsetzung Schaden anrichten. Brutale Offenheit macht aus einer falschen Entscheidung keine richtige.

Genau hier beginnt die eigentliche Schwierigkeit.

Demokratie braucht Menschen, die unangenehme Tatsachen aussprechen. Sie braucht aber ebenso Widerspruch, Maß und die Möglichkeit, einen offen angekündigten Irrtum zu verhindern.

Die politische Lüge beginnt deshalb nicht erst bei einer falschen Behauptung.

Sie beginnt auch dort, wo Sprache nur noch dazu dient, Folgen zu vernebeln, Verantwortung zu verschieben oder Zeit zu kaufen.

Bürger verlangen häufig Hoffnung statt Mathematik. Politiker liefern sie, weil Wahlen selten mit einer nüchternen Bilanz gewonnen werden.

Vielleicht brauchen Demokratien ihre Lügen tatsächlich, um weiterzufunktionieren.

Aber sie brauchen ebenso Menschen, die die Polster gelegentlich entfernen.

Nicht damit rohe Macht als Ehrlichkeit gefeiert wird.

Sondern damit eine Gesellschaft noch merkt, worauf sie sitzt.

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