ArcaNuova · Gedankenthema
Wer ist hinter dem Glas?
Ein Segelfalter vor dem Fenster. Ein Aquarium aus der Kindheit. Ein Zahnarzt, der nicht nur nach den Zähnen sah. Und die Frage: Beobachten wir die Welt oder beobachtet sie uns?
Die Schule beginnt meist mit Antworten.
Das Leben beginnt oft mit Beobachtungen.
Lange bevor im Gymnasium der Biologieunterricht begann, stand bei mir zu Hause bereits ein Aquarium.
Nicht als Dekoration, sondern als kleines Forschungsprojekt.
Leben lässt sich nicht befehlen.
Es zeigt sich, wächst und vermehrt sich nur dort, wo die Bedingungen stimmen.
Wasserqualität, Licht, Temperatur und Gleichgewicht entschieden darüber, ob sich Tiere wohlfühlten oder nicht. Manche Arten vermehrten sich, andere nicht. Das Leben selbst schien zu zeigen, wann die Voraussetzungen erfüllt waren.
Damals kannte ich die Fachbegriffe noch nicht.
Ich beobachtete nur.
Später wurde Biologie mein Lieblingsfach. Viele Zusammenhänge begegneten mir dort zum zweiten Mal. Der Unterschied war nur: Jetzt hatten sie Namen.
Vielleicht beginnt Verstehen genau so.
Nicht mit Antworten.
Sondern mit Beobachtungen.
Wer nur Begriffe lernt, kennt die Wörter.
Wer beobachtet, erkennt die Zusammenhänge.
Lernen durch Beobachten
Diese Art zu beobachten begleitete mich später auch in meinem Beruf.
Ich verstand Zahnmedizin nie nur als Reparatur einzelner Zähne. Der Mund war für mich kein isolierter Raum, sondern Teil des ganzen Menschen.
Wenn ich über viele Jahre ganze Familien betreute, wurden Zusammenhänge sichtbar, die man an einem einzelnen Zahn nicht erkennen konnte. Gewohnheiten, Ernährung, Vererbung, Pflege, Aufklärung und Therapie wirkten zusammen.
Ich begann zu ahnen, dass schlechtes Zahnfleisch mehr sein kann als ein lokales Problem. Dass Entzündungen im Mund Auswirkungen auf den gesamten Organismus haben können. Vieles, was heute selbstverständlich erscheint, war damals noch Gegenstand von Beobachtung und Erfahrung.
Gesundheit lässt sich nicht befehlen.
Sie entsteht dort, wo die Bedingungen stimmen.
Später kamen Terrarien und Volieren ins Gespräch. Mein Sohn hielt zeitweise Reptilien und hatte die Idee, auf unserem Grundstück eine große Voliere für Vögel zu bauen.
Heute brauche ich weder Aquarium noch Terrarium noch Voliere.
Der Weg zum Meer ist nur zwei Kilometer weit.
Die Tauchflasche liegt in der Garage.
Bussarde kreisen über dem Tal.
Eidechsen sonnen sich auf den Mauern.
Der Segelfalter vor dem Glas
Und eines Tages landete ein Segelfalter vor der großen Glasfront des Hauses.
Wir beobachteten ihn eine ganze Weile. Er flog anders als die meisten Schmetterlinge. Teilweise segelte er fast wie ein Greifvogel. Er schien in der Luft zu stehen, drehte ab, kam zurück und wirkte manchmal, als würde er rückwärts fliegen.
Aus dieser Beobachtung entstand schließlich dieser Gedanke.
Einmal ließ ich versehentlich einen elektrischen Mückenfänger die ganze Nacht eingeschaltet. Eigentlich sollte er nur die Mücken vom Esstisch fernhalten.
Am nächsten Morgen fand ich darin keine Handvoll Insekten, sondern eine kleine Ausstellung der Artenvielfalt. Dreißig oder vierzig verschiedene Arten hatten sich darin verfangen.
Da wurde mir bewusst, wie viel Leben uns normalerweise verborgen bleibt.
Wenn ich heute hinter der großen Glasfront meines Hauses sitze und über die Landschaft blicke, denke ich manchmal an das Aquarium meiner Jugend.
Damals saß ich vor einer Glasscheibe und beobachtete eine kleine Welt.
Heute sitze ich hinter einer Glasscheibe und blicke in eine große.
Und manchmal habe ich den Verdacht, dass die Natur zurückschaut.
Dann stellt sich plötzlich eine ganz andere Frage:
Wer beobachtet hier eigentlich wen?
Und noch tiefer:
Was sehe ich überhaupt, wenn ich hinschaue?
Den einzelnen Fisch?
Den einzelnen Zahn?
Oder das ganze System?



