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Mit dem Alter sinkt nicht die Fähigkeit zur Anpassung

Anpassung kann Reife sein. Sie kann aber auch zur Gewohnheit werden, mit der man sein eigenes Leben dauerhaft gegen sich selbst trägt.

Mit dem Alter sinkt manchmal nicht die Fähigkeit zur Anpassung

…sondern die Bereitschaft, sich unnötig zu verbiegen

Früher dachte ich, Anpassung sei Reife. Heute glaube ich: Mit dem Alter sinkt manchmal nicht die Fähigkeit zur Anpassung. Sondern die Bereitschaft, sich unnötig zu verbiegen. Das klingt trotzig. Ist es vielleicht ein wenig. Aber eher müde. Ein Mensch verbringt Jahrzehnte damit: Verantwortung tragen. Berufe tragen. Beziehungen tragen. Erwartungen tragen. Systeme bauen. Fehler anderer auffangen. Sich selbst korrigieren. Irgendwann kommt die Frage: Trägt es mein Leben noch? Oder trage nur noch ich es? Diese Frage ist gefährlich. Weil sie nicht nur Autos meint. Oder Verpflichtungen. Oder Versicherungen. Sie meint auch: Rollen. Gespräche. Gewohnheiten. Und manchmal Menschen. Mit siebzig entrümpelt man nicht den Keller. Man entrümpelt Verpflichtungen. Manche Dinge bleiben trotzdem. Hunde zum Beispiel. Über Menschen entscheidet die Zeit. Nicht ein schlechter Monat. Nicht ein Streit. Nicht ein Screenshot. Nicht eine Zigarette. Nicht ein verpasstes Telefonat. Zeit ist unerquicklich gründlich. Sie zeigt: Was trägt. Und was nur getragen wurde. Ich habe gelernt: Nicht jedes Gefühl verdient sofort eine Entscheidung. Einsamkeit heute ist nicht zwingend Einsamkeit morgen. Wut heute muss nicht Handlung heute bedeuten. Traurigkeit heute ist vielleicht Wetter. Nicht Klima. Gefühle bekommen eine Stimme. Aber nicht automatisch die Regierung. Der Verstand gewinnt nicht immer. Aber: Es wird zumindest verhandelt. Vielleicht ist Reife nicht, keine Gefühle mehr zu haben. Sondern: ihnen zuzuhören, ohne sofort gehorchen zu müssen. Und vielleicht ist Loyalität auch nicht, für immer zu bleiben. Vielleicht ist Loyalität: ehrlich zu prüfen, was man noch aus Liebe trägt und was nur aus Gewohnheit. Ich renne Türen nicht mehr hinterher. Wenn sich eine öffnet, werde ich schauen. Und wenn nicht, ist der Garten auch schön.

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