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Medien, Wirklichkeit und die Suche nach Wahrheit

Nicht alles ist gelogen. Aber schon Auswahl, Schnitt und Erwartung können aus realen Aussagen eine gewünschte Erzählung formen.

Diese beiden persönlichen Erlebnisse haben meinen Blick auf Medien dauerhaft verändert.

Nicht weil ich plötzlich glaube, alles sei gelogen. Das wäre genauso naiv wie blind alles zu glauben.

Aber ich habe verstanden, wie stark bereits kleine Beiträge durch Auswahl, Schnitt und gewünschte Aussagen gelenkt werden können. Und zwar nicht unbedingt durch die Kameraleute oder die Teams vor Ort, sondern durch Vorgaben und Erwartungen, die oft viel weiter oben entstehen.

Der erste ernsthafte Zweifel kam durch einen Patienten von mir, der beim Bayerischen Rundfunk arbeitete. Keine anonyme Internetgeschichte, kein „ein Bekannter hat gehört“. Seine Tätigkeit war für mich nachvollziehbar, und wir sprachen mehrfach darüber.

Damals ging es um Straßenumfragen zu einem aktuellen politischen Thema, an das ich mich heute nicht einmal mehr erinnere. Was mir jedoch bis heute im Gedächtnis blieb, war seine Frustration.

Er erzählte mir, dass das Team bereits ziemlich genau wusste, welche Aussagen später im Beitrag vorkommen sollten. Die Interviews dienten weniger dazu, offen Meinungen einzusammeln, sondern eher dazu, passende Aussagen für die bereits geplante Dramaturgie zu finden.

Besonders deutlich blieb mir ein Satz von ihm in Erinnerung: Die gewünschte Meinung sei damals so verdreht gewesen, dass sie praktisch niemand freiwillig gesagt hätte. Er selbst übrigens auch nicht.

Genau das sei das Problem gewesen. Das Team fand schlicht niemanden, der die gewünschte Aussage spontan vertreten wollte. Schließlich gab man einem Passanten sogar etwas Geld, damit dieser die Aussage noch einmal vor der Kamera wiederholte. Nicht aus großer politischer Überzeugung, sondern eher, damit der Drehtag endlich beendet werden konnte und alle nach Hause gehen konnten.

Die anderen Aussagen, die nicht ins gewünschte Bild passten, verschwanden später im Schneideraum.

Einige Jahre später machte ich selbst eine ähnliche Erfahrung.

Wieder ging es um Wirtschaftskrise. Wirtschaftskrise gibt es im Fernsehen ungefähr so regelmäßig wie Grippewellen oder Sommerhitze. Nur die Hintergrundmusik wechselt.

Ich war damals in einem Einrichtungshaus unterwegs, als mich ein Fernsehteam des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ansprach. Man wollte Menschen interviewen, die wegen der wirtschaftlichen Lage ihr Verhalten ändern würden. Die gewünschte Richtung war ziemlich schnell erkennbar: weniger Restaurants, weniger Ausgehen, stattdessen zuhause bleiben und es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich machen.

Das Team filmte mich an der Kasse und fuhr anschließend sogar mit zu mir nach Hause, um dort weitere Aufnahmen zu machen. Dort sollte ich dann möglichst genau die gewünschte Aussage formulieren: dass ich wegen der Krise kaum noch in Restaurants gehe und lieber zuhause bleibe.

Nur gab es dabei ein kleines Problem.

Ich besaß damals selbst ein Restaurant nahe meiner Zahnarztpraxis, das verpachtet war. Mein Pächter wäre vermutlich wenig begeistert gewesen, wenn ich öffentlich erkläre, dass die Menschen besser nicht mehr essen gehen sollten.

Also begann eine längere Diskussion.

Ich erinnere mich noch heute genau daran, wie das Team immer wieder versuchte, meine Aussagen in die gewünschte Richtung zu lenken. Im Nachhinein wurde mir klar, dass das Einrichtungshaus inzwischen bereits geschlossen war, der Drehtag praktisch vorbei, und man offenbar bis zuletzt niemanden gefunden hatte, der wirklich passend in diese vorbereitete Botschaft hineinpasste.

Genau deshalb kämpfte das Team letztlich mit mir um die Formulierungen. Wahrscheinlich war ich einfach das letzte halbwegs brauchbare „Opfer“ dieses langen Drehtages.

Am Ende wurde die Aussage zumindest abgeschwächt. Statt davon zu sprechen, Restaurants zu meiden, sagte ich lediglich, dass man vielleicht wieder mehr Zeit zuhause verbringe.

Gerade diese Diskussion blieb mir im Gedächtnis. Denn dort verstand ich zum ersten Mal unmittelbar am eigenen Leib, wie aus realen Menschen keine völlig erfundenen Geschichten gemacht werden müssen. Oft reicht es bereits, Aussagen so lange zu formen, zu verkürzen oder in eine bestimmte Richtung zu drücken, bis sie zur gewünschten Erzählung passen.

Seit diesen beiden Erlebnissen sehe ich auch internationale Krisen anders.

Denn wenn bereits bei vergleichsweise harmlosen Wirtschaftsbeiträgen Realität durch Auswahl geformt wird, wie stark muss das erst bei Kriegen, geopolitischen Konflikten und emotionalen Themen sein?

Gerade dort entscheiden Bilder oft über Zustimmung oder Ablehnung. Besonders Bilder von verletzten Kindern oder leidenden Zivilisten brennen sich tief in das Gedächtnis der Menschen ein. Gleichzeitig weiß heute jeder, dass genau solche Bilder weltweit gezielt genutzt werden, um öffentliche Stimmung zu beeinflussen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass das Leid nicht real wäre. In Kriegen sterben tatsächlich unschuldige Menschen. Aber meine eigenen Erfahrungen haben mich vorsichtiger gemacht.

Ich frage mich heute automatisch: Wer filmt das? Warum wird genau dieses Bild gezeigt? Welche Bilder werden gleichzeitig nicht gezeigt? Welche Aussagen fehlen? Und welche Wirkung soll beim Zuschauer entstehen?

Vielleicht liegt die eigentliche Gefahr unserer Zeit gar nicht mehr nur in einzelnen Lügen, sondern darin, dass kaum noch jemand sicher weiß, was überhaupt noch wahr ist.

Zu viele Interessen wirken gleichzeitig auf Informationen ein: Politik, Medien, wirtschaftliche Abhängigkeiten, soziale Netzwerke, Algorithmen, Aktivisten, Staaten, und inzwischen sogar künstliche Intelligenz.

Jeder filtert, jeder schneidet, jeder bewertet, jeder moralisiert.

Der normale Mensch sitzt inzwischen oft zwischen allen Fronten und versucht verzweifelt herauszufinden, was Realität und was bereits Inszenierung ist.

Ich persönlich suche die Wahrheit jedenfalls nicht mehr ausschließlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Nicht nach meinen eigenen Erfahrungen.

Mein Appell wäre deshalb heute kein Aufruf, blind irgendeiner Seite zu glauben. Weder den klassischen Medien noch irgendwelchen Internetgurus, Influencern oder anonymen Kanälen, die plötzlich behaupten, allein im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.

Vielleicht bleibt uns in dieser Zeit nur noch ein mühsamerer, aber ehrlicherer Weg: möglichst viele authentische Informationen als einzelne Bausteine zu sammeln.

Eigene Erfahrungen. Direkte Gespräche. Augenzeugen. Unterschiedliche internationale Quellen. Originalaufnahmen. Rohmaterial. Öffentliche Dokumente. Abrufbare Fakten statt bloßer Schlagzeilen.

Mit Hilfe solcher einzelner Bausteine und durch den Vergleich mit eigenen Erfahrungen kann man zumindest versuchen, sich langsam an die Wirklichkeit anzunähern.

Besonders aufschlussreich wird es dann, wenn man einmal selbst erlebt hat, wie ein Ereignis oder eine eigene Aussage später in den Medien dargestellt wird. Genau dort beginnt man zu verstehen, wie stark Auswahl, Gewichtung, Schnitt und gewünschte Dramaturgie die Wahrnehmung verändern können.

Seit meinen eigenen Erfahrungen versuche ich Informationen deshalb nicht mehr isoliert zu konsumieren, sondern wie einzelne Messpunkte zu betrachten.

Eigene Beobachtungen. Aussagen von Menschen vor Ort. Unterschiedliche internationale Quellen. Originalvideos. Offizielle Dokumente. Technische Daten. Widersprüche zwischen verschiedenen Darstellungen. Und vor allem die Frage: Was fehlt eigentlich in der jeweiligen Darstellung?

Erst aus diesem Vergleich entsteht langsam ein innerer Filter. Kein perfekter Wahrheitsautomat, sondern eher eine persönliche Skalierung der Glaubwürdigkeit.

Man beginnt zu spüren: Was wirkt authentisch? Was wirkt inszeniert? Wo fehlen wichtige Teile? Wo wird emotional gedrückt? Wo passt etwas nicht zusammen?

Absolute Wahrheit wird man als normaler Mensch wahrscheinlich selten vollständig erreichen. Dafür sind moderne Informationsströme inzwischen viel zu komplex, zu schnell und zu professionell gesteuert.

Aber man kann lernen, weniger leicht steuerbar zu werden.

Vielleicht ist genau das heute schon ein großer Schritt: nicht jede fertige Meinung sofort zu übernehmen, sondern sich aus vielen überprüfbaren Bausteinen ein eigenes Bild zusammenzusetzen.

Denn Freiheit beginnt möglicherweise nicht erst bei der perfekten Wahrheit, sondern bereits dort, wo Menschen wieder selbst beobachten, vergleichen und denken.

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