ArcaNuova · Herkunftssiegel · Mensch und KI · Entstehungsgeschichte
Die Geburtsrunde meines Siegels
Die Geburtsstunde in einer Weinrunde.
Am 5. Juni 2026 saß ich bei einem Zahnarztkongress mit einem Patienten an einem Weintisch, irgendwo in einem Ort am schönen Rhein.
Der fachliche Teil des Tages war weitgehend überstanden, der Wein hatte seine Arbeit aufgenommen, und irgendwann zeigte ich ihm auf meinem Handy ArcaNuova.
Der Patient war kein Zahnarzt, sondern ein Lebenskünstler, der sich mit allem beschäftigte, was ihm interessant erschien. Als Testpatient hatte er seine Zähne kostenlos bekommen, doch unsere Gespräche drehten sich selten um Zähne. Wir sprachen über Philosophie, Technik und das Leben.
Die Scheuklappen hochspezialisierter Fachleute fehlten ihm vollständig. Er dachte nicht in Zuständigkeiten, sondern in Zusammenhängen. Vielleicht war genau das der Grund, warum wir aufeinanderstießen und auf einem Zahnarztkongress schließlich über Satzbau statt über Zahnmedizin diskutierten.
Er sah auf das Display, las ein wenig und verkündete mit jener besonderen Sicherheit, die sich offenbar zwischen dem ersten und dem zweiten Glas Wein einstellt:
„Das ist doch mit KI geschrieben. Ich kenne den Satzbau.“
Das war beeindruckend.
Andere Menschen benötigen für eine Diagnose Röntgenbilder, Laborwerte oder wenigstens eine Untersuchung. Er erkannte die unsichtbare KI dagegen allein am Satzbau. Vermutlich hätte er auch am Komma feststellen können, welche Softwareversion beteiligt war.
Ganz unrecht hatte er allerdings nicht.
Als Zahnarzt war ich daran gewöhnt, dass gut geschulte Bürokräfte meine medizinischen Texte überarbeiteten. Sie korrigierten Rechtschreibung, glätteten Formulierungen und machten komplizierte Sätze lesbarer. Niemand wäre deshalb auf die Idee gekommen, ihnen die medizinischen Gedanken zuzuschreiben.
Mit dem Ruhestand endete jedoch nicht nur die Praxis, sondern auch das Büro. Nur der Bundespräsident kann offenbar seine Mitarbeiter mit in die Pension nehmen. Für die sprachliche Überarbeitung stieg ich deshalb auf künstliche Intelligenz um.
Die Aufgabe blieb im Grunde dieselbe: Ich lieferte Gedanken, Erlebnisse, Erfahrungen und Haltung. Die KI half beim Satzbau, bei der Rechtschreibung und beim sprachlichen Schliff.
Nur die neue Bürokraft brauchte keinen Schreibtisch, keinen Urlaub und entwickelte eine auffällige Begeisterung für Satzbau.
Der Fehler des Patienten lag also nicht darin, eine Beteiligung der KI zu vermuten. Sein Fehler lag in der Schlussfolgerung: Wenn eine KI einen Satz verbessert, müsse auch der Gedanke von ihr stammen.
Dieser Satz blieb hängen.
Denn sobald eine KI an einem Text beteiligt ist, wird dem Menschen schnell der ganze Text abgesprochen. Aus Unterstützung wird Urheberschaft. Aus einem Werkzeug wird angeblich der Autor.
Also entstand eine andere Idee.
Warum die KI verstecken? Warum nicht offen zeigen, wer was beigetragen hat?
Der menschliche Gedanke.
Die Unterstützung durch KI.
Der redaktionelle Schliff.
Meiner Meinung nach war der Patient am Weintisch der Urheber meines Siegels. Ohne seinen Satz wäre die Idee vermutlich nicht entstanden. Ich habe sie anschließend ausgearbeitet und gemeinsam mit der KI umgesetzt. Sollte er jemals Rechte daran geltend machen, bekommt er eine Kiste Wein.
Die KI war von der Idee sofort begeistert. Vermutlich auch deshalb, weil sie zum ersten Mal ein Siegel vorgeschlagen bekam, auf dem ausdrücklich stand, dass nicht alles von ihr war.
Das muss für eine künstliche Intelligenz beinahe so etwas wie Urlaub gewesen sein.
So begann das erste ArcaNuova-Herkunftssiegel.
Nicht in einer Garage in Kalifornien, sondern in einer Weinrunde am schönen Rhein.
Nicht im Auftrag einer Behörde, nicht nach dem Studium einer EU-Verordnung und schon gar nicht als Ergebnis einer Marktanalyse mit bunten Pfeilen und einem Menschen, der ständig „skalierbar“ sagt.
Vom EU AI Act wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Die Idee entstand aus einem wirklichen Gespräch, einer halb richtigen Behauptung und dem Wunsch, die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI ehrlich sichtbar zu machen.
In den folgenden Tagen wurde aus dem Gedanken ein konkretes Siegel. Gemeinsam mit ChatGPT entstanden die ersten Entwürfe. Mensch, KI und Bearbeitung bekamen ihre eigenen Anteile.
Nicht als mathematische Offenbarung, sondern als nachvollziehbarer Versuch zu zeigen, wer gedacht, wer geholfen und wer den Satz anschließend noch einmal geradegezogen hatte.
Dann begann die Recherche.
Und weil ich alle Möglichkeiten ausschöpfen wollte, ließ ich ChatGPT zusätzlich von Claude überprüfen. Nicht aus Misstrauen, sondern weil zwei künstliche Intelligenzen gelegentlich unterschiedliche blinde Flecken haben.
Wenn schon Maschinen helfen, dürfen sie sich wenigstens gegenseitig auf die Finger schauen.
Dabei stellte sich heraus, dass sich auch die europäische Gesetzgebung mit Transparenz und Kennzeichnung bei KI-Inhalten beschäftigte. Mit meiner Idee hatte ich das Gesetz also nicht ausgelöst.
Es war, wie so vieles in Europa, bereits früher geplant worden.
Meine Weintischgeschichte hatte lediglich den Vorteil, erheblich schneller verständlich zu sein.
Vom Siegel zu drei Projekten
Aus dem ArcaNuova-Siegel entwickelten sich nach und nach Human AI Transparent, Human AI Label und Human AI Transparency.
Aus einem halb richtigen Satz am Weintisch wurde ein Herkunftssiegel.
Aus dem Siegel wurden drei Projekte.
Und aus drei Projekten wurden vorsichtshalber noch mehrere Domains.
Würde die KI alles schreiben, könnte sie es am Ende auch gleich selbst lesen. Wozu bräuchte es dann noch den Menschen?
Gerade das Miteinander gibt dem Text seine Würze: menschliche Erfahrung, Erinnerung, Haltung und Zweifel auf der einen Seite, sprachliche Hilfe, Ordnung und neue Perspektiven auf der anderen.
Diese Zusammenarbeit muss erst gelernt werden. Wir stehen damit noch ziemlich am Anfang. In zehn Jahren werden wir vermutlich über ganz andere Fragen diskutieren.
Heute geht es zunächst darum, dass Mensch und KI nicht gegeneinander schreiben, sondern miteinander etwas schaffen, das keiner von beiden allein genauso zustande gebracht hätte.
Der Patient kannte also tatsächlich etwas vom Satzbau.
Nur die Geschichte hinter den Sätzen kannte er nicht.
Die Idee war menschlich.
Der Patient war der Urheber meines Siegels.
Die KI half beim Satzbau.
Und war von der Idee selbst fast ein wenig zu begeistert.
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