ArcaNuova · Wahrnehmung · Wirklichkeit · Anamnese

Wahrheit oder Wirklichkeit?

Was eine falsch arbeitende Solaranlage über Wahrnehmung, Anamnese, Beziehungen und die Filter im eigenen Kopf lehrt.

Sein und Schein auf dem Display

Auf dem Display sah alles richtig aus.

Die Zeiten stimmten.

Die Einstellungen stimmten.

Nur die Anlage spielte verrückt.

Ein kurzer Stromausfall hatte die innere Ordnung der Anlage durcheinandergebracht.

Auf dem Display blieb alles scheinbar richtig.

In Wirklichkeit arbeitete das System nach einer völlig unbrauchbaren Logik.

Erst nachdem ich den Zeitplan gelöscht und neu angelegt hatte, entsprach die Wirklichkeit wieder der Anzeige.

Da fragte ich mich:

Gibt es solche Stromausfälle auch im Gehirn?

Vielleicht nicht elektrisch.

Aber manchmal genügt ein einziges Erlebnis.

Ein Satz.

Ein Verlust.

Eine Enttäuschung.

Eine Angst.

Plötzlich arbeitet unser Denken nach einer anderen Logik.

Von außen scheint alles unverändert.

Auf dem Display stimmt noch alles. Doch im Inneren hat sich die Ordnung verschoben.

Wenn schon ein Display eine Wahrheit zeigen kann, die in der Wirklichkeit nicht existiert, wie viel schwieriger muss es dann sein, einen Menschen richtig zu verstehen?

Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben.

Beide sind ehrlich.

Beide sind überzeugt, die Wahrheit zu kennen.

Und doch leben sie in zwei verschiedenen Wirklichkeiten.

Nicht weil einer lügt.

Sondern weil jeder die Welt durch die Filter seines Lebens betrachtet.

Erfahrungen.

Ängste.

Hoffnungen.

Erziehung.

Ideologien.

Sinnestäuschungen.

Und schließlich durch das, was ich hier Gehirn nenne.

Damit meine ich nicht nur das biologische Organ.

Ich meine das innere Verarbeitungszentrum, in dem Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrungen, Gefühle, Hoffnung und Vernunft zu unserer persönlichen Wirklichkeit werden.

In Wirklichkeit besitzt jeder Mensch ein eigenes Gehirn.

Die Wahrheit ist: Nicht jeder benutzt es besonders gern.

Jedes Gehirn erschafft seine eigene Sicht auf dieselbe Welt.

Vielleicht entstehen deshalb so viele Konflikte.

Nicht nur in der Politik.

Nicht nur zwischen Religionen.

Sondern auch in einer Ehe.

Man hört einen Satz.

Man sieht einen Blick.

Man beobachtet ein Verhalten.

Und glaubt sofort, den anderen verstanden zu haben.

Vielleicht war das Verhalten richtig. Nur meine Wahrnehmung dazu war falsch.

Vielleicht wäre zuerst eine Anamnese nötig.

Was ist vorher geschehen?

Welche Geschichte bringt der andere mit?

Welche Erfahrungen haben seine Wirklichkeit geformt?

Vielleicht war der Satz des anderen gar nicht das Problem.

Vielleicht war es mein Gehirn, das ihm eine Bedeutung gegeben hat, die er niemals gemeint hatte.

Die Wirklichkeit bleibt dieselbe. Unsere Wahrnehmung muss es nicht.

Und manchmal genügt dieser kleine Unterschied, um Freundschaften zu belasten, Ehen zu erschüttern oder ganze Gesellschaften zu spalten.

Genau das lehrte mich der kleine Stromausfall.

Die Anzeige war richtig.

Das Verhalten war falsch.

Erst als ich aufhörte, der Anzeige blind zu vertrauen und stattdessen die Geschichte dahinter zu suchen, fand ich die Ursache.

Fast unbemerkt löste sich gleichzeitig eine ganze Kaskade weiterer Probleme auf.

Was wie mehrere unabhängige Störungen ausgesehen hatte, ging auf dieselbe Ursache zurück.

Ursache und Wirkung jagten sich im Kreis. Gleichzeitig verfolgten sich Sein und Schein.

Ein einziger Klick unterbrach diesen Kreislauf.

Da musste ich schmunzeln.

Nicht weil ich nur einen Fehler gefunden hatte.

Sondern weil wieder einmal deutlich wurde, dass man ein System erst dann wirklich versteht, wenn man aufhört, einzelne Symptome zu behandeln.

Vielleicht gilt das auch für Menschen.

Wir suchen oft nach der Wahrheit.

Dabei sollten wir manchmal zuerst die Wirklichkeit suchen.

Heute suchen viele Menschen ihre Wahrheit im Internet.

Sie lesen Überschriften.

Sie vergleichen Quellen.

Sie vertrauen Suchmaschinen und künstlicher Intelligenz.

Doch auch dort wirken Filter.

Algorithmen.

Redaktionen.

Eigene Überzeugungen.

Interessen.

Und womöglich verbessern sie nicht nur die Darstellung der Wirklichkeit, sondern gleich die Wirklichkeit selbst.

Gerade deshalb wird eine Fähigkeit immer wichtiger:

Nicht jede Information sofort zu glauben.

Aber auch nicht jede Information sofort zu verwerfen.

Sondern zu fragen:

Was ist die Geschichte dahinter?

Vielleicht fragst du dich jetzt: Was könnte dieses Gleichnis mir persönlich sagen?

Vielleicht ganz einfach dies:

Beobachten ersetzt nicht Verstehen.

Eine Vermutung ersetzt keine Anamnese.

Eine schnelle Antwort ersetzt kein Gespräch.

Und eine Wahrheit, die du über einen anderen Menschen gefunden zu haben glaubst, ist vielleicht nur deine Wahrnehmung.

Gib deinem Gegenüber die Chance, verstanden zu werden, bevor du glaubst, es verstanden zu haben.

Vielleicht beginnt genau dort ein besseres Gespräch.

Große Gleichnisse beginnen oft mit etwas Kleinem.

Ein Samenkorn.

Ein verlorener Sohn.

Ein barmherziger Samariter.

Vielleicht war mein kleiner Stromausfall ebenfalls ein Gleichnis.

Nicht über Technik.

Sondern über Demut.

Denn wenn heute schon die Anzeige eines kleinen Gerätes von der Wirklichkeit abweichen kann:

Wie vorsichtig sollten wir dann erst sein, wenn wir glauben, einen Menschen verstanden zu haben?

Mit siebzig Jahren bin ich ein Jungautor.

Das Leben hatte nur etwas mehr Zeit, Material zu sammeln.

Jungautor ist die reine Wahrheit.

Siebzig Jahre sind die Wirklichkeit.

Beides stimmt.

Vielleicht liegt zwischen Wahrheit und Wirklichkeit manchmal nur die Bedeutung, die unser Gehirn einem Wort gibt.

Gedanken entstehen nicht immer allein in einem Gehirn.

Manchmal entstehen sie dort, wo zwei verschiedene Arten des Denkens aufeinandertreffen.

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Autor von ArcaNuova am Meer
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