ArcaNuova · Rückzug · Freiheit · Kalabrien

Oberhalb der Nebelgrenze

Ein persönlicher Rückzug auf den Berg, jenseits von Schlagzeilen, Narrativen und dem täglichen politischen Lärm.

Ich habe mich nicht in Sicherheit gebracht, weil Bomben fielen oder Panzer rollten.
Ich bin gegangen, bevor das ernst wurde. Bevor die Schlagzeilen lauter schrien als der gesunde Menschenverstand,
bevor man „Gerechtigkeit“ nur noch im gleichen Atemzug mit „Narrativ“ und „Staatsräson“ buchstabierte.

Wer’s nicht glaubt, braucht nur in die Zeitung zu schauen. In Dresden sticht Majd A. einem amerikanischen Touristen ins Gesicht,
weil der Zivilcourage zeigt. Der Täter wird zuerst festgenommen, dann freigelassen, dann doch wieder verhaftet.
Nicht das Opfer steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob Haftgründe sauber formuliert sind.

Zur gleichen Zeit in Berlin: Der Pianist Arne Schmitt landet in Untersuchungshaft, weil er im Gerichtssaal den Schöffen provoziert.
Kein Messer, kein Blut, nur eine Szene – und das volle Gewicht der Justiz knallt auf ihn.

„Der Pianist steht in einem Berufungsverfahren vor dem Berliner Landgericht, in dem er sich auch selbst verteidigt.
Er soll am 21. April 2021 bei einer Demonstration gegen das Infektionsschutzgesetz mit seinem Flügel eine Polizeikette durchbrochen
und die Menge aufgewiegelt haben. Nun sitzt er in Untersuchungshaft in der JVA Moabit, die mit einer Flucht- und Verdunklungsgefahr begründet wird.
Gegen ihn wurde inzwischen wegen Verdächtigungen und des Vortäuschens einer Straftat ein zweites Verfahren vor dem Amtsgericht eingeleitet.“

Das klingt trocken, doch in Klartext bedeutet es: Seine eigene Verteidigung wurde ihm ausgelegt wie ein Verbrechen.
Juristisch heißt das „falsche Verdächtigung“ und „Vortäuschen einer Straftat“. Für den Normalbürger sieht es so aus:
Wer widerspricht, wer eigene Versionen erzählt, riskiert, dass man ihn nicht nur für die Tat, sondern gleich auch für den Widerspruch bestraft.
Damit wird aus einem Verteidigungsrecht fast schon eine Falle.

Und wer tiefer in die Geschichte blickt, stolpert über Roland Freisler, den Präsidenten des Volksgerichtshofs.
Dort war das Urteil nicht einmal mehr eine Frage – es war Theater mit Todesfolge. Nach 1945?
Seine Kollegen gingen fast ungeschoren davon. Hätte er überlebt, hätte er wohl auch wieder „Recht gesprochen“.

So unterschiedlich die Fälle sind, sie zeigen eins: Recht ist selten das, was man naiv darunter versteht.
Es ist Theater, es ist Macht, es ist ein Werkzeug. Und je nachdem, ob man Majd, Schmitt oder Freisler heißt, ist es ein ganz anderes Werkzeug.

Also bin ich auf den Berg gegangen. Kein Wallfahrtsort, kein Fluchtrefugium – einfach mein Platz, mit Oliven, Solarzellen
und zwei Hunden, die ehrlicher sind als die meisten Wahlprogramme.

Das ist keine Anleitung für alle. Würden plötzlich Millionen denselben Weg wählen, wäre mein Berg kein Berg mehr,
sondern ein überfülltes Flüchtlingslager mit Blick auf die Küste. Und genau deshalb steht heute schon die Beratung
für Emigration unter Strafe: Wer anderen zeigt, dass ein Ausweg existiert, untergräbt das Narrativ der Unausweichlichkeit.
Der Staat duldet vieles, nur nicht die Idee, dass man ohne ihn besser lebt.

Ich habe nicht die große Welt gerettet. Ich habe mein altes Land nicht gerettet, weil ich Missionieren verachte und jeder
seines eigenen Unglücks Schmied ist. Aber ich habe mein eigenes kleines Reich jenseits der Schlagzeilen geschaffen.
Ein Reich, in dem nicht täglich jemand entscheidet, welches „Narrativ“ heute gilt. Hier gilt nur: Leben, arbeiten, Musik hören, Brot brechen.

Die Politiker können weiter an ihren Mikrofonen kratzen, die Richter ihre Urteile dekorieren. Meine Entscheidung ist gefallen.
Ich habe kein Afrika gefunden – aber ein Bergdorf, das zu mir passt. Und hier oben weht der Wind frei.

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