ArcaNuova · Neuanfang · Erinnerung · Kalabrien
Die Tür und das neue Leben
Was aus dem früheren Leben mitkommen darf, ohne dass man weiter darin wohnen muss.
Was von einem früheren Leben bleiben darf, ohne dass man darin wohnen bleiben muss
Hinter einer alten Tür aus meinem früheren Leben wächst heute mein Obst.
Es ist eine Wartezimmer-Tür aus der Zahnarztpraxis. Früher gingen Patienten durch sie hindurch. Manche mit Schmerzen, manche mit Angst, manche nur mit der Hoffnung, schnell wieder hinauszukommen. Die Tür gehörte zu einem Leben aus Terminen, Verantwortung, Personal, Technik und einem Beruf, den ich lange und erfolgreich ausgeübt hatte.
Heute steht sie in Kalabrien.
Hinter ihr warten keine Patienten mehr. Dort wachsen Orangen, Zitronen und Pfirsiche. Sie reifen still in der Sonne, als sei es das Normalste der Welt, dass eine deutsche Praxistür irgendwann ein kalabrisches Obstlager bewacht.
Die Tür hat ihren Zweck nicht verloren. Sie hat nur einen anderen bekommen.
Vielleicht gilt das auch für Menschen.
Ein neues Leben beginnt nicht immer damit, alles Alte wegzuwerfen. Manches darf mitkommen. Nicht als Denkmal und nicht als Last, sondern als Material. Ein Tisch wird zur Werkbank. Ein Schrank wird zum Lager. Eine Tür schützt plötzlich etwas, das früher in diesem Leben überhaupt keinen Platz hatte.
Ich musste die Vergangenheit nicht zerstören, um neu anzufangen. Ich musste nur entscheiden, was sie heute noch tragen darf.
Die Tür erinnert mich daran, woher ich komme. Aber sie zwingt mich nicht, dorthin zurückzugehen.
Sie schützt heute mein Obst.
Ich schütze heute mein Leben.
Hinter ihr reift das, was ich ernte. Vor ihr reift das, was ich geworden bin.
